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Tyniec

 

Die Abtei Tyniec liegt am rechten Weichsel­ufer, in administrativen Grenzen von Krakow, etwa 12-13 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die malerische Umgebung - Hügel, Wälder und der Fluss - locken viele Stadtbewohner an, die sich nach frischer Luft sehnen.

 

Vor neun Jahrhunderten kamen hier Benediktiner. Auf dem Felsen, der steil über der Weichsel emporragt, bauten sie ein Kloster - Abtei, deren Silhouette, auffallend über den grünen Bäumen, sich im ruhig fließenden Strom spiegelt.

 

Die Geschichte dieses Ortes wurde stark durch seine geographische Lage geprägt. Die Gegend musste kontrolliert und bisweilen verteidigt werden, weil der am Fuße des Klosters verlaufende Weg strategische Bedeutung hatte. Der obere Lauf der Weichsel diente zeitweise als politische Grenze: zuerst im Mittelalter, später in der Zeit zwischen der ersten und der dritten Teilung Polens (1773-1795) und in den Zeiten der „Freistaat Krakau" (1815-1846).

 

Die Abtei Tyniec bildet ungefähr einen Rechteck mit mehreren Höfen. Die Kirche erkennt man an ihrer Größe, Bauform sowie an der Höhe des Daches, das vor dem kalten nördlichen Wind zu schützen scheint. Die gesamte Anlage ist mit Grün umgeben. Wegen Platzmangel war das erste Kloster sehr klein angelegt. Sein Zentrum bildete der Kreuzgang mit einem Innenhof in der Mitte. Mit der Zeit, als dies nicht mehr ausreichte, wurde das Terrain geebnet und es wurden weitere Seitenflügel angefügt, die wieder ein Rechteck schlossen. Den Führungsweg sollte man auf dem Plan aufsuchen. Er führt den Außenmauern entlang durch das Tor und die Burg (auch Abtshaus =  „Opatówka" genannt) auf den Außenhof, in die Kirche - wo man etwas länger anhalten sollte - und weiterhin auf den Kreuzgang, durch den südlichen Flügel des Klosters in die Wirtschaftsgebäude und schließlich durch den Garten zum Tor des heiligen Benedikts.

 

Die Rangordnung der von Mönchen geschätzten Werte betonen die Niveauunterschiede innerhalb der ersten Klosteranlage: auf der höchsten Stelle steht der Altar und die Kirche; man muss siebenstufige Treppe hinuntersteigen, um auf den Kreuzgang zu gelangen; weitere vier Stufen führen in den Kapitelsaal. Noch ein paar Stufen nach unten war einst der Speisesaal; die Küche befand sich im gewölbten Keller. Weil es auf dem Rücken des Hügels nicht ausreichend Platz gab, musste man Wirtschaftsgebäude noch tiefer errichten. Somit entspricht die ganze Sakralanlage der Regel, Sitten, Bedürfnissen und Möglichkeiten derer, die sie seit 900 Jahren bewohnen. Benediktus bezeichnete das Kloster als „Gotteshaus" und wollte, dass hier niemand „gereizt oder gekränkt wird".

 

Das Gebäude über dem Tor wird „die Burg" oder „das Abtshaus" („Opatówka") genannt, weil hier einst die Vorsteher des Klosters ihren Wohnsitz hatten. Dem Grundriss nach erinnert das Gebäude an die Zahl „7", die mit der äußeren Ecke den Kirchenturm berührt. Die Nordwand des kleinen Vorhofes war einst von bunten Wappen geziert, die jedoch heute unkenntlich beschädigt sind. Glücklicherweise lassen sich auf einem alten Photo einige davon erkennen: der Wappen des Königs (Adler mit Krone auf dem Kopf), und zwei Ritterwappen: „Doliwa" und „Ratuł". Aufgrund des Stils datierte man sie in die Hälfte oder das Ende des 15. Jahrhunderts. Wenn man es vom Weichselufer hinauf oder vom Außenhof her betrachtet, errät man, dass „Opatówka" auch einem anderen Zweck diente: der Verteidigung. Die ersten Schriftstücke, in denen die Festung in Tyniec erwähnt wurde, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Wir wissen nicht genau, wie sie aussah; die einzige bis heute erhaltene Darstellung stammt aus dem Tinecii sev Historia Monasterii Tinecensis. von S. Sczygielski OSB (einer im 1668 herausgegebener Geschichte des Klosters). An der Uferseite wurde die Burg durch eine Mauer mit Obergaden geschützt und westlich durch einen Turm abgesichert, welcher beim Umbau der ganzen Anlage in der Zeit der Renaissance abgebrochen wurde.

 

Eine steinerne Tafel mit dem Wappen „Świnka" - und einer heute unleserlichen Inschrift - erinnert an diese Zeit:

 

HIERONIMUS KRZYŻANOWSKI

ABBAS TINECENSIS

MUNIVIT ATQVE MURAVIT

AN(NO) D(OMI)NI CHRISTI

 

(Hieronim Krzyżanowski, Abt in Tyniec, hat dieses Gebäude befestigt und gemauert, im Jahre Christi 1573)

 

Die alte Pracht des Abtshauses wurde im 17. und 18. Jahrhundert durch Kriegsschäden zerstört. Seine letzte Renovierung verdankt das Gebäude dem Abt Florian Amand Janowski; daran erinnert die Gedenktafel über dem heutigen Eingang:

 

QUAE MODO PRAESULE CERNIS PENETRALIA EDIS

SAXORUM CUMULUS TRISTEQUE FVNVS ERAT

DIRUIT HAEC MARTIS RABIES FLAMMISQVE

PEREMIT 1772 ERUTA SED TUMULIS ASCYA

STARE FACIT 1774

 

(Dieses Innere des Vorstehersitzes, welches du [verehrter Gast] in diesem Moment betrachtest, war ein Haufen aus Steinen und ein finsterer Grab. Die Härte des Krieges hat es im 1772 mit Feuer vernichtet, doch der Axt [„Ascya" =  Axt war der Wappen von Janowski] hat diesen Sitz wieder aus der Asche erhoben und im 1774 neu gebaut)

 

Im Jahre 1831 wurde das Dach des Abtshauses wieder durchs Feuer vernichtet. Dank der Hilfe des Krakauer Kardinals Jan Puzyna wurde es mit Schindeldach ersetzt und wartete so auf die Rückkehr der Benediktiner im Jahre 1939. Das letzte Mal wurde hier gekämpft, als sich die Deutschen Soldaten vom 16 bis zum18 Januar 1945 verteidigten.

 

Südlich von der Kirche, in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft befindet sich die alte Klosterpforte. Die Bezeichnung stammt vom lateinischen Wort „porta", d.h. „Eingangstür". Tyniec verdankt diesen Teil dem Abt Stanisław Pstrokoński, worauf sein Wappen „Poraj" und das Datum 1649 auf einem der Gewölbe hinweisen.

Nahezu direkt davor wurde ein Brunnen gegraben, der heute sowohl mit der Tischlerarbeit, als auch der Legende, welche besagt, dass er bereits im 10. Jahrhundert existiert hätte, Interesse weckt. Der Brunnen ist 40 Meter tief und reicht bis zum Grundwasserspiegel. Das hölzerne Brunnenhaus stammt aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

 

Das Terrain der Abtei musste geebnet werden, weil der südöstlich neigende Hügel nicht ausreichend Platz bot. Die bereits vorhandenen Gebäude dienten nach der Nivellierung, als Keller, auf denen zwei oder drei weitere Stockwerke aufwuchsen. Der südöstliche Flügel mit großen Fenstern ist die ehemalige Bibliothek, die im 18 Jahrhundert vom Abt Janowski errichtet wurde. Der westliche Teil des Außenhofes schlossen Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude der sog. „Starostei" ein. Bis heute überdauerte nur ein Teil der Mauer gegenüber der Kirche, wo es früher eine Küche, eine Räucherei, ein Bad und sanitäre Einrichtungen gegeben hatte.

 

Am Außenhof erhebt sich die Westfront der Kirche. Ihre Entstellungen legen Fragen nach dem Urzustand nahe, von dem bis heute nur eine über dem Eingang platzierte Tafel mit einer Inskription geblieben ist. Sie ist schon auf alten Stichen oder dem Superexlibris - einem Zeichen, der auf den ledernen Umschlägen der Bücher und Handschriften im 17. Jahrhundert geprägt wurde - zu sehen. Die Türme der ursprünglichen Kirche waren schlanker und höher, auch das Dach ragte über anderen Gebäuden empor. Am Kircheneingang erkennt man noch Reste des alten Türrahmens aus dem 15. Jahrhundert - der Zeit, als die Kirche zum ersten Mal ausgebaut wurde. 150 Jahre später errichtete Abt Lubieński ein monumentales Portal aus Marmor über dem Kircheneingang, mit seinem Geschlechtswappen „Pomian" und folgender Inskription:

 

TEMPLVM HOC REGY CAENOBY

D.O.M.

SANCTISS[IMAE] VIRGINI MATRI
ET PRINCIPIBVS APOSTO

LORVM SACRUM

DIRVTIS VETVSTATE CORRVPTI
AECIFICY PARIETIBVS NOVA

FORMA NOVO THOLO NOVA POTICV NOVISQ(UE) TVRRIBVS

ET

SACEL[L]IS AC LATERA ADIECTIS AC ERECTO FRONTISPICIO

STANISLAVS ŁVBIENSKI ABBAS TYNECENSIS

STRVXIT ORNAVIT LONGEQVE AVGVSTIVS REDDIDIT

ANNO CHRISTI MDCXXII

SIGISMVNDO III POLON[IAE] ET SVECIAE REGI VITA ET

IMPERIVM REGIAE EIVS SOBOLI FELICITAS

PATRIAE CHAR[ISSIMAE] PAX

TRANQUILLITAS ET CONCORDIA

 

(Dieses Gotteshaus des königlichen Klosters, dem Guten und Großen Gott, der Hochheiligen Jungfrau Maria und den Prinzen Aposteln zum Ehren geweiht - hat Stanisław Łubieński, nach dem Abbau der alten Mauer, ein neues Gewölbe, einen neuen Portikus, neue Türme und Kapellen an beiden Seiten sowie die Fassade aufgebaut, verschönert und prächtiger ausgestaltet im Jahre Christi 1622. Dem Sigismund II. Wasa, König von Polen und Schweden - Herrschaft und Leben! Seinen Nachfolgern - Seligkeit! Der geliebten Heimat - Frieden, Sicherheit und Eintracht!)

 

In den Jahren 1771 - 1772 wurde von Kanonen der am anderen Weichselufer stationierten Armee des russischen General Suworow geschossen und ruiniert. Die Gebäude an der Uferseite wurden zerstört und nie wieder aufgebaut. Alles, was geblieben ist, bildet eine kleine Anhöhe an der Mauer, welche den Außenhof an der Uferseite schützt; wahrscheinlich befinden sich dort noch Reste der alten Keller. Etliche Schäden erlitt auch die Fassade der Kirche, die jedoch kurz danach vom Abt Janowski erneuert wurde. Er zierte den nördlichen Kirchenturm mit seinem Wappen „Ok­sza" zierte und den südlichen -  mit einer Uhr. Das wiederaufgebaute Kloster verlockte die Künstler, die es gern vor dem Hintergrund der umgebenden Landschaft darstellten. Auf einem Bild aus dieser Zeit kann man die gesamte Klosteranlage mit ihren kleinsten Details erkennen. Die hohen, schlanken Kirchtürme, die in den Himmel ragten, und der auffallende Dachreiter machten einen besonderen Reiz des damaligen Klosters aus - bis der fürchterliche Brand von 1831 alles in Flammen aufgehen ließ.

 

Das jüngste Wappen an der Fassade, „Oginiec", gehörte dem Krakauer Kardinal Jan Puzyna, der das Kloster aus den österreichischen Händen gerettet hatte (1903). Weil alles danach aussah, dass die Benediktiner nicht mehr zurückkehren werden, übernahm er die Renovierung der Kirche und des Abtshauses und errichtete hier ein Ferienhaus für Kleriker. Die heutigen, niedrigen Kirchtürme stammen aus jener Zeit.