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Kloster

Der Kreuzgang

Der Kreuzgang ist ein um den Innenhof eines Klosters laufender Bogengang, dessen Arme ein geschlossenes Viereck bilden. Seine innere Arkaden, oder Fenster, gehen auf den Innenhof hinaus. An die äußeren Wänden des Kreuzgangs schmiegen sich wichtigsten Teile des Klosters an; man kann ihn als ein Bindeglied zwischen der Kirche und dem Kloster und damit auch den wichtigen Teil der ganzen Anlage begreifen. Hier treffen sich und scheiden Wege aller Klosterbrüder. Doch der Kreuzgang hat, als ein für Prozessionen und Meditationen bestimmter Raum, einen halbliturgischen Charakter. In einigen Sprachen (z.B. im Englischen oder Tschechischen) bezeichnet man diesen Teil der Klosteranlage als „Paradiesgarten".

 

Der Kreuzgang in Tyniec hat eine lange Geschichte. Er wurde bereits innerhalb des ersten Klosters errichtet, was davon zeugt, dass ein Plan der ganzen Anlage von Anfang an gegeben war. Spätere, gotische Mauer steht auf dem romanischen Fundament und lassen dessen Ausmaße erkennen. Der Kreuzgang war, nach dem gewohnten Brauch, schön ausgemalt. Wir können uns sein Aussehen dank einer Wand und ein paar Säulen, welche die spätere Umbauung überdauerten, ungefähr vorstellen. Sie unterstützten Arkaden, die auf den Innenhof hinausgingen. Die Decken waren aus Holz. 

 

Die Arbeiten an der Umgestaltung des Kreuzganges wurden im 15. Jahrhundert begonnen, doch das Spitzbogengewölbe, das wir heute noch bewundern können, ist später. Es ist nicht möglich ein genaues Datum dieses Umbaus festzustellen, wahrscheinlich fällt es mit der Verwaltung des Abtes Andrzej Ozga zusammen. Sicher dagegen ist, dass Ende 16. Jahrhunderts der Kreuzgang im Stil der Renaissance ausgemalt wurde - die Deckenmalerei ist einfach zu datieren, weil im Jahre 1983 auf einem Schlussstein des Gewölbes die Aufschrift: JOHA[NNES] LOWCZOWSKI ABBAS, entdeckt wurde (der genannte Abt regierte in den Jahren 1558-1568).  Von der Malerei, die einst die Gewölben aller Flügel des Kreuzgangs bedeckte blieben bis heute nur kleine Fragmente erhalten, darunter die so kennzeichnend platzierte Inskription. Der Abt ist es ja, der die Rolle eines Schlusssteins übernimmt - nach der Regel des heiligen Benedikts ist er der Schlussstein des ganzen Baus, wenn man die Klostergemeinschaft so bezeichnen darf. Der Kreuzgang blieb bis zum 19. Jahrhundert bestehen, dann wurde der Südflügel abgerissen, samt - es wird jedenfalls so vermutet - dem romanischen Speisesaal, sog. Refektorium. Heute lassen nur Fundamente und spärliche Mauerreste erkennen, wo dieser gestanden hatte. Bis heute sind dagegen drei übrige Flügel des gotischen Kreuzganges erhalten geblieben - der Nordflügel der Kirche entlang, sowie der östliche und westliche Seitenflügel. Der vierte, südliche Flügel gegenüber der Kirche ist eine Rekonstruktion aus dem Jahre 1989.

 

Doch der Kreuzgang hat auch andere Funktionen - er erinnert an die Vergangenheit der Abtei. Diese Aufgabe erfüllen Spuren aus alten Zeiten, von denen etwas mehr erzählt werden sollte.

 

An der Nordwand des Kreuzgangs, die der Kirche entlang verläuft, kann man sehen, wie man einst aus dem an Ort und Stelle vorhandenem Stein die Mauer aufbaute. Da sie in ihrer ganzen Länge erhalten geblieben ist, zeigt sie die Ausmäße der romanischen Kirche, des Kreuzgangs und gleichzeitig der ganzen Klosteranlage an. Der rohe Portal und der enge Kircheneingang spielten einst eine große Rolle. Die damalige Frömmigkeit verlangte, dass sogar die Kirchentür geehrt wurde - man betete hier niederkniend, küsste die Schwelle, und tat Büße für seine Sünden.  Nachdem die Kirche umgebaut worden ist, verlor der Eingang seine Bedeutung  und wurde vermauert; die Kirchenwand wurde verputzt und mit einer feinen Wandmalerei verziert. Relikte der Romanik, verborgen, gerieten in Vergessenheit. Vor ein hundert Jahren konnte man über deren Vorhandensein nur spekulieren. Ihre Entdeckung im Jahre 1943 verdanken wir dem Architekt Szyszko-Bohusz. Dann begannen lange Untersuchungen, die zur Kenntnis des Klosters wesentlich beigetragen haben. Die nördliche Wand wurde vollkommen freigelegt und gewissenhaft erforscht, insbesondere weil man an ihrer Innerseite, symmetrisch links und rechts vom Eingang, zwei Halbsäulen entdeckte. Infolge den Ausgrabungen in den Jahren 1961-1965 wurde das Niveau der romanischen Kirche und der Apsis des Südlichen Seitenschiffes, unter dem Boden des heutigen Flurs festgestellt.

 

Interessant ist auch der Ostflügel des Kreuzgangs und die anliegenden Räume. An der Ecke befindet sich die ehemalige Sakristei. Darüber, im Obergeschoß, wurde im 18. Jahrhundert eine gewölbte Kapelle errichtet, deren Fenster (heute zugemauert), auf das Hochaltar hinausgingen.

 

Neben der Sakristei befand sich ein kleines Raum, Schatzkammerchen genannt. Es wird vermutet, dass sich hier im Mittelalter die Klosterbibliothek befand. Bis heute blieb ein schmales, vergittertes Fenster mit einem Teil der romanischen Mauer erhalten. Der Raum, nach einer gründlichen Renovierung, dient als die heutige Sakristei. Über ihren Eingang wurde ein Portal mit dem Wappen „Grzymała" zweier Äbte aus dem Geschlecht Baranowski rekonstruiert.

 

An der östlichen Wand des Kreuzganges, an der Stelle, wo man im 15. Jahrhundert zum ersten Mal Ziegel angewendet hatte, kann man Spuren von weiteren Umgestaltungen sehen. Hier wurde zuerst eine offene Arkade mit beidseitiger Wandmalerei errichtet. Nebenan findet man eine Inskription aus dem 15. Jahrhundert, die nicht vollständig entziffert oder erklärt wurde. Sie betrifft sicher die Bestattungen unter dem Kapitelsaal.

Die Bauform des gewölbten Kapitelsaals, der sich hinter der Wand befindet, ermöglicht eine Datierung auf den 14. und 15. Jahrhundert. Hier wurde zum Anschluss an die Morgengebete ein Kapitel - capitulum - aus der Regel des hl. Benediktus vorgelesen. Daraus leitet sich der Name des Kapitelsaals und des Kapitels, Rates der Brüder, der vom hl. Benedikt an der Seite des Abtes vorgesehen wurde. In diesem Raum wurden auch Urkunden ausgestellt. Hier hat schließlich der Abt die täglichen Arbeiten verteilt, und es wurde vor dem Altar der hl. Marta, Patronin aller Arbeitenden gebetet.

 

Der Kapitelsaal zeichnete sich immer durch seine Architektur und besondere Ausmalung aus. In Tyniec wurden einige Schichten von Wandmalereien übereinander aufgetragen; in der nördlich-westlichen Ecke blicken die ältesten Teile hindurch - Silhouette eines Heiligen im Kardinalshut (hl. Hieronymus) und eines großen Mönchs aus den irisch-schottischen Kreisen (hl. Kolumban).  Im 15. Jahrhundert ersetzte man frühere, hölzerne Decke mit einem Gewölbe, auf dessen Schlussstein Abt O¿ga seinen Wappen (Rawicz) anbringen ließ, etwas später wurde die Arkade an der westlichen Seite zugemauert. Nach 1661 entstand hier ein Fresco - Bildnis der Muttergottes mit dem Kind - das später an die Wand zwischen den Fenstern versetzt wurde. Das Gewölbe wurde in vier Felder eingeteilt. Vermutlich war jeder Teil einem der Evangelisten gewidmet. Bis heute sind Darstellungen der heiligen Lukas und Markus erhalten. Die wichtigsten Teile der Deckenmalerei bilden vier Szenen - die Geburt des heiligen Johannes des Taufers, Ausgießung des Heiligen Geistes, Mariä Himmelfahrt und Krönung. Bei jeder Szene wurden kleinere Bilder einkomponiert z.B.: Jesuskind spielend mit dem Kreuz oder Mariensymbole (u.a. ein Schiff auf hohem Meer und ein Stern - wahrscheinlich eine Andeutung an den Hymnus Ave maris stella - Sei willkommen, Stern des Meeres). Die auf dem Gewölbe dargestellten Inhalte stellen die Essenz des Wissens über Maria dar und sind ein Zeugnis der Verehrung, die man Ihr in barocken Polen entgegenbrachte. Zu der jüngsten Schicht gehört der Tod des heiligen Benedikts an der Nordwand. 

 

Im Kapitelsaal schloss man die Morgenliturgie mit dem Totengedenken ab. In Tyniec wurde diese Tradition gewissenhaft eingehalten. Der Nekrolog zählte die Namen der Stifter, Wohltäter und Mitbrüder. Die Trauerliturgie wurde nach einem festen Kalender geregelt, der für jeden Tag entsprechende Anniversarien vorschrieb. Unter dem Kapitelsaal befindet sich die Gruft für verstorbene Ordensbrüder. Den Eingang versperrt eine steinerne Platte auf der folgende Worte - man könnte sagen: Ermahnungen eines Verstorbenen - zu lesen sind:

 

MEMORARE NOVISSIMA

QUOD SUM ERITIS

MIHI HODIE TIBI CRAS

 

(Denke an allerletzte Dinge. Was ich bin
- werdet ihr sein; was heute mir -
das morgen dir)

 

Der östliche Flügel ruht auf den Fundamenten der ältesten Klosteranlage aus dem 11. Jahrhundert, was von den bauarchäologischen Untersuchungen bestätigt wurde.

 

Im südlichen, wiederhergestellten Flügel des Kreuzgangs befindet sich eine Sammlung von Gedenktafeln. Die jüngste ist eine steinerne Tafel, die an den Rückkehr der Benediktiner nach Tyniec im Jahre 1939 erinnern sollte. Man findet hier die Namen und Vornamen der Vorsteher und Stifter: des Abtes Theodor Neve aus der Abtei Zevenkerken in Belgien und Priors Karls van Oost, der nach Tyniec die erste Belegschaft des erneuten Klosters mitbrachte. Der Anlass für die Errichtung der Gedenktafel war der fünfzigste Jahrestag dieser Ereignisse, die ein neues Kapitel in der Geschichte des Klosters angebrochen haben.

 

Auf einer ehrenvollen Stelle, in der Mitte, fällt die Gedenktafel mit einer langen Schilderung der Stiftung in 1044 auf:


D.O.M.

VIATOR

QUEM HIC VIDES STANTEM AD MERIDIEM

SOLEM EXISTIMA

MIECISLAO ET RIXA REGIBUS

POLONIAE EXORTUM AD SOLIUM

CASIMIRUM

CASU MIRO

UNUM AD REGNUM BIS NATUM

SEMEL EX UTERQ(U)E RELIGIONE SECUNDO

UNA IN MAJESTATE

DUPLICI REDIMITUM CORONA

BENEDICTINA ET REGALI

QUI

BENEDICTO IX SUM. PONT. DISPENSANTE

ORDINIS S. BENEDICTI FILIUS

PATRIUM POSTULATUS AD THRONU(M)

ARCHICAENOBIUM HOC TYNECENSE

MUNIFICENTIA SINGVLARI

PRO SPIRITUALIBUS DIACONUS

PRO SCEPTRO SUO SUBIECTIS REX

PRO BENEDICTINIS CONFRATER

FUNDAVIT

ANNO DOMINI 1044

 

(Dem Guten und Großen Gott zu Ehren. Der, welchen du, verehrter Reisender, mit dem Gesicht zur südlichen Sonne gewandt siehst - ist Kasimir. Der Sohn des Königspaares, Mieczysław und Rycheza, wurde geboren, um den polnischen Thron zu besteigen. Wie durch ein Wunder ist er zweimal zur Welt gekommen, das erste Mal aus Mutterleib, das zweite Mal aus dem Orden. Er wurde in einer Majestät zweimal gekrönt - mit der Benediktinerkrone [es wird damit sicher die Tonsur gemeint] und der Königskrone. Er, als Sohn des Benediktinerordens, wurde nach der Dispensation des Papstes Benedikts IX auf den väterlichen Thron berufen. Er, der für die Geistlichen ein Diakon, für die seinem Zepter Untergebene ein König, und für Benediktiner ein Mitbruder war - hatte auch in seiner Güte diese Erzabtei  gestiftet, im Jahre des Herrn 1044)

 

Gleich nebenan, eine weitere Gedenktafel erinnert an die heiligen Mitglieder des Ordens. Die Aufschrift lautet:


D.O.M.

AETERNAE MEMORIAE

VENERABILIUM

ANDREAE NOSEK ABBATIS

MSCISLAI PRIORIS

VOLDIMIRI

DUCIS OSVEC[IMENSIS] ET ZATOR[IENSIS] FILII

BENEDISTI[INORUM] TYNCENSIUM QVI

VITAE FORMA DATI

NOBIS SUNT HIC TUMULATI

VIATOR

MORIBUS HOS SEQVERE SI CHRISTU(M)
QVAERIS HABERE,

FORTUNATUS TANTIS ANTECESS(ORIBVS)
CONVENTUS

TYNECENSIS POSUIT A(NNO) D(OMINI) 1759

 

(Dem Guten und Großen Gott zu Ehren. Der ewigen Erinnerung an den verehrten Abt Andrzej Nosek [recte - Ożga] Prior Mścisław, [und schließlich der legendären Gestalt:] Włodzimierz, den Sohn des Prinzen in Oświęcim und Zator, die uns ein Vorbild des [guten] Lebens waren und hier begraben wurden. Verehrter Reisender, wenn du Christus empfangen willst, folge ihrer Sitten. [Diese Gedenktafel] hat die Tyniecer Gemeinschaft, die sich solcher Vorgängern zu rühmen weiß, im Jahre 1759 gelegt)

 

Es fällt das Wort Fortunatus auf - der Name des Priors Albrychowicz, der wahrscheinlich diesen Text zusammengefasst und die Tafel gestiftet hat.

 

Nebenan, auf derselben Wand, befindet sich auch eine Gedenktafel aus schwarzem Marmor, die mit demselben Datum bezeichnet, und im ähnlichen Stil gehalten wurde. Sie kann daher mit Sicherheit ebenfalls dem bekannten Panegyriker, Albrychowicz, zugeschrieben werden.

 

D.O.M.

PERILL[USTRISSIMO] REVERENDISSIMO D[OMI]NO

THEODORO ZIELONACKI
ABBATI TROCEN[SI] O.S.B.

MULTORU[M] ANNOR[UM] ET

MERIT[ORUM]

PRIORI ET CUSTODI TYNECEN[SI]

VITA RELIGIOSA MORV[M] SVA VITATE

UTROQVE ECCLESIAE CULTU

COMMENDATO POSITUM

PRO QVO DICENTES SUNT CUNCTI
PRAEGREDIENTES

HUIC SUPERAM LUCE[M] DA DEIS ET REQUIEM

AMEN ANNO D[OMI]NI 1759

 

(Dem Guten und Großen Gott zu Ehren. Dem berühmten und verehrten Teodor Zielonacki, dem Abt des Klosters in Troki, aus dem Orden des heiligen Benedikts, reichen an Jahren und Verdiensten, der Prior und Kustode in Tyniec war, im Hinblick auf das wirklich klösterliches Leben, Milde der Sitten und Sorge um den doppelten (äußeren und inneren) Kult der Kirche, wurde dieses Denkmal gelegt. Mögen alle Vorbeigehenden für ihn ein Gebet sprechen: Gott gib ihm Licht von Oben und ewige Ruhe. Amen. Im Jahre des Herrn 1759)

 

Diesmal geht es um eine historische Person. Teodor Zielonacki hat sich dem Kloster in Tyniec im 18. Jahrhundert verdient, als der Inhaber der Kommende in Tyniec der Erzbischof und Primas Stanisław Szembek war (Albrychowicz, der vermeintliche Verfasser der ganzen Inskription - konnte sich an diese Zeit selbst erinnern). Zielonacki starb im Jahre 1729.

 

Bis vor kurzem hat außerdem in der südlich-westlichen Ecke eine im Rokokostil geschnitzte Skulptur aus bemaltem Holz gestanden. Sie stellte die Königin Judith, Frau des Königs Vladislav Hermann und Wohltäterin des Klosters, die dem Kloster Landgüter in Opatowice/Książnice schenkte. Darauf bezog sich die Aufschrift, heute längst verwittert und unleserlich: „Königin Judith schenkte ihre Besitztümer den Benediktinern in Tyniec". In den klösterlichen Gebetsbüchern wird sie als Mitstifterin der Abtei genannt.

 

An der südlichen Seite des Kreuzgangs, über dem Eingang in die weiteren Räume des Klosters wurde ein Steinblock mit dem Abteiwappen sowie den Wappen „Półkozic" und „Rawicz", aus dem Ende des 15. Jahrhunderts eingemauert - es war früher wahrscheinlich Zierwerk an einem der Türme.