Der westliche Flügel
Das Ideal des Klosterdaseins beruht auf der Verbindung der Religion mit dem praktischen Leben. Den Benediktinern wird die Parole vom Gebet und Arbeit zugeschrieben, weil sie versuchen, Kontemplation mit der Aktivität zu vereinigen. Deshalb befinden sich in der Abtei, neben der Kirche, Arbeitsräume. Das Leben selbst macht es notwendig, das Dormitorium (oder Klausen) und den Speisesaal einzurichten, und weil verschiedene Dinge werden hier gemeinsam erlebt, kann auch der Gemeinschaftsraum nicht wundern. Heilige Benedikt ordnete an, der Mönch sollte im Kloster alles Lebensnotwendige haben. Die Klosteranlage in Tyniec ist Zeugnis der jahrhundertelangen Bemühungen, diesen Anordnungen zu entsprechen.
Das gemeinsame Leben und Arbeit im Kloster verlaufen so gewöhnlich und banal, dass es sinnlos wäre, es den Besuchern zu zeigen. Es reicht, die am meisten charakteristische Dinge zu nennen.
Außer dem Kreuzgang gibt es im südlichen Teil des Klosters einige größere Säle und ein Refektorium, d.h. den Speisesaal. Auf den weiteren Stockwerken befinden sich Klausen - die Zimmer der Klosterbrüder. Jeder wohnt allein. Das Ganze hat gotische Fundamente, aber die heutigen Mauern sind später. Man soll nicht vergessen, dass sich im Laufe der Jahrhunderte, infolge der Nivellierarbeiten, die bebaute Fläche auf der Anhöhe beachtlich vergrößerte. Bereits im Mittelalter war es notwendig, das Kloster gen Süden auszubauen, doch zuerst hat man die neuen Gebäude einfach tiefer gebaut. Eine groß angelegte Nivellierung wurde erst im 16. und 17. jahrhundert durchgeführt. Auf gotischen Räumen, die jetzt zu Kellern geworden sind, wurde ein neues Gebäude aufgebaut - heutiger Südflügel der ganzen Anlage. Bereits durch die Natur begünstigt, bildete er den repräsentativen Teil des Klosters. In der Ecke wurde sich ein großes Refektorium errichtet, daneben der Gemeinschaftsraum. Das Marmorportal, welches aus dem Refektorium nach Westen führt, hat an der gegenüberliegenden Seite sein Gegenstück aus Sandstein. Auf dem elegant ausgemessenen Marmor befinden sich keine Aufschriften außer denen, die von den Touristen im 19. Jahrhundert, als dieser Ort ruiniert und leicht zugänglich war, eingeritzt wurden. Auf dem sandsteinigen Portal befindet sich dagegen folgende Inschrift:
S. YSIDORVUS SCITO QVO TEMPORE
LOQVARIS CONSIDERA
QVANDO DICAS. TEMPORE CONGRVO LOQVERE TEMPORE
CONGRVO TACE. ANNO C[OMI]NI 1640
IE 21 IVNY
(Der heilige Isidor [von Sevilla, verst. 636 schrieb:] Lerne, wann du sprechen sollst. Überlege, bevor du etwas sagst. Spreche zu der richtigen Zeit, [aber auch] schweige rechtzeitig. [Portal wurde errichtet] im Jahre des Herrn 1640, am 21 Juni)
Der schwierigen Kunst des Gesprächs wurde auch die Inschrift auf dem Portal gewidmet, das vom Hof in den Gemeinschaftsraum führt. Obwohl der Marmor beschädigt ist, lässt sich der Text entziffern:
ISTIC EST THESAVRVS STVLTIS
IN LINGVA POSTIVS VT QVA
ESTVI HABEANT MALE LOQVI
DE MELIORIBUS PLAVT
(Hier eben, in der Sprache, ist der Schatz der Dummen versteckt - dank dem sie sogar genießen können, Falsches über
Bessere zu erzählen. Plautus)
Möglicherweise funktionierte hier die Schule, die von den Schriftstellern des Goldenen Zeitalters so sehr gepriesen war.
Die Treppe führte nach oben, wo es in der südöstlichen Ecke einen großen, gut belichteten Raum gab. Er wurde mit Porträts ehemaliger Äbte geschmückt. Auch in den Gängen wurden Gemälde an die Wände gehängt. Sie bildeten zwei Zyklen; einer - die bei den Benediktinern in Staniątki bis zum heutigen Tag erhalten geblieben ist - stellt 20 Szenen aus dem Leben des vermeintlichen Stifter der ersten Mönchgemeinschaft in Tyniec, Kasimirs des Erneuerers, dar. Es wurde in Anlehnung an den berühmten polnischen Geschichtsschreiber, Jan Długosz, vom Pater Stanisław Sczygielski OSB beschrieben. Die im 17. Jahrhundert entstandene Kunstwerke stellen in kunsthistorischer Hinsicht einen wichtigen Wert dar: sie spiegeln die damalige Vorstellung von den Anfängen der Stiftung wieder, die man in Tyniec hatte. Ein zweiter, längerer Gemäldezyklus ziert bis heute die Klostermauer. Ihr Gegenstand sind „klösterliche Zeremonien" - verschiedene Szenen aus dem Leben der Mönche.
Im weiteren Teil - die nach der in 1771 erlittener Umlagerung und Zerstörung wiedererbaut wurde - hat Abt Janowski, der ein großer Bücherliebhaber war, Räume für eine Bibliothek vorgesehen. Sie befand sich in einem großen Saal, auf sechs Pfeilern gestützt, schön gewölbt, mit Fenstern an beiden gegenüberliegenden Wänden.
Die Bibliothek in Tyniec hat eine eigene Geschichte, die sich, zumindest grob, rekonstruieren lässt. Von der mittelalterlichen Büchersammlung gibt der Sakramenter, der sich bis heute in der Nationalen Bibliothek in Warschau befindet, eine Ahnung, von der Sammlung aus der Zeit der Renaissance - der Katalog des Abtes Mielecki aus dem Jahre 1598. Kostbare Archivalien fielen in 1848 in Lemberg während der Bombardierung einem Brand zum Opfer, ein Teil der Altschriften wurde nach Tarnów transportiert und blieb in der Bibliothek des dortigen Priesterseminars erhalten. Die Büchersammlung aus Tyniec war keine Konkurrenz für die Krakauer Sammlung, die ihr in fast jeder Hinsicht überlegen war, man darf aber vermuten, dass sie mehr benediktinische Druckwerke enthielt - und das hat für die lokale Geschichte eine große Bedeutung.
Die Bücher befanden sich in der Bibliothek, als im Jahre 1812 - nach der Niederlage der napoleonischen Armee - die fliehenden Resttruppen nach Kraków und Tyniec kamen. Die Verwundeten und Kranken wurden auch im Kloster gepflegt, unter anderem in dem Büchersaal. Kurz danach wurden die Benediktiner aus Tyniec vertrieben und die Sammlung evakuiert oder gestohlen. Im Jahre 1831 zerstörte ein von einem Blitz verursachter Brand die Dächer des Klosters; da es keinen Hausherr mehr gab, hatte sie niemand wiederaufgebaut.



Studio Reklamowe OLAWSKI